Albanien Bericht

Anfang April 2002 gab es einige Befahrungen albanischer Wildflüsse durch eine 7-köpfige Naturfreunde Lehrwartegruppe und des derzeit einzigen albanischen [...]

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Anfang April 2002 gab es einige Befahrungen albanischer Wildflüsse durch eine siebenköpfige Naturfreunde-Lehrwartegruppe und des derzeit einzigen albanischen Paddlers Gent Mati.
Im Folgenden ein Bericht, der auch im Naturfreunde Magazin zu lesen war.

Albanien Drack

Ankunft in Durres

Susi´s grosse Fahrt, Paddellehrwarte der Naturfreunde in Albanien

Gü, der Fahrer im Wildwasserzentrum, flucht und strahlt zugleich. Schwitzend schrubbt er am verklebten Lehmstaub, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, weil "seine Susi" heil zurück ist. Susi ist nicht mehr ganz jung, aber wirklich verlässlich: es ist der rote Toyotabus im WWZ, Baujahr 84, der uns neun, das Gepäck und die Boote 4000 Kilometer über teilweise abenteuerliche Strassen getragen, ja besser geschleppt hat.

Albanien Reithmaier

Albanien - Esel oder Mercedes

Aber jetzt der Reihe nach: Die Idee es den NF-Bergsteigern gleich zu tun und eine gemeinsame "Expedition" in Angriff zu nehmen, schwirrte schon länger in den Köpfen einiger Paddellehrwarte. Klar war, daß man weder einen unbekannten, neuen Wasserfall herunterstürzen wollte noch konnte. Die Reise sollte jedoch keinesfalls in irgendeinem Prospekt eines kommerziellen Anbieters zu finden, und von jedermann mit etwas Geld zu buchen sein. Franz Streißl gab den entscheidenden Anstoß: Albanien! Nur aus der Faltbootära sind im deutschsprachigen Raum Befahrungen aus den 30er Jahren bekannt. Die vereinzelten Versuche in späterer Zeit scheiterten zumeist an den politischen Verhältnissen. Auch die instabile Lage der letzten Jahre forderte ihre Opfer. So mußte eine Gruppe ihr Vorhaben am 3. Tag abbrechen, da sie all ihrer Habseligekeiten beraubt worden war.

Abenteuerlust, vielversprechende Bilder und die Einschätzung der Lage durch Franz, der seit knapp zwei Jahren in Albanien lebt, ließen das Risiko gerechtfertigt erscheinen.

Albanien Reithmaier

Schlüsselstelle Devoll, 2. Etappe

Endlich, wir stehen am Einstieg des Devoll. Hinter uns viele Kilometer auf italienischen Autobahnen, eine Nacht auf der Fähre, schwierige Einreiseformalitäten (das "Büro" ist eine Motorhaube, um welche sich die Massen drängeln), erste ungeahnte Eindrücke in der Hauptstadt Tirana, und eine kurvige, holprige Anfahrt zum Fluß. Alle sind gespannt und wild aufs paddeln. Die nötigen Handgriffe gehen ohne viel reden und rasch. Peter checkt das Material und bespricht die Befahrungstaktik – dann booten wir ein und fahren los. Drei Tage später strahlen alle. 50 Flußkilometer vom Feinsten liegen hinter uns.

Albanien Devoll

Fredl kurz vor der "Unfahrbaren" (Devoll, 2. Etappe)

Beeindruckt hat besonders die Vielfältigkeit der verschiedenen Abschnitte: anfangs ein Bächlein mit engen Durchfahrten und kleinen Stufen (ein Abschnitt den unser Team als erstes befahren hat!), ein technisch anspruchsvoller Mittelteil mit einer imposanten, unfahrbaren Umtragestelle und eine abschließende, beeindruckende Durchbruchstrecke bevor der Fluß im Flachland durch weite Schotterflächen mäandert.

Albanien Reithmaier

Shuttle Service, LKW zum Osum

Am Weg zum Osum, unserem nächsten Paddelziel liegt Korca, die Stadt mit den meisten Skifahrern Albaniens. Nach 2 Tagen Camping in der Wildnis mit Temperaturen unter 0 haben wir eine Dusche verdient und steigen im Grand Hotel (für Albanien Kategorie 12, in Österreich vielleicht 2 Sterne) ab.

An der per Auto erreichbaren Einsatzstelle für den Osum müssen wir feststellen, daß der letzte Regen zu lang aus, und die Schneeschmelze wegen des kalten Windes in der Höhe noch nicht richtig eingesetzt hat – mit einem Wort: für den ersten Abschnitt ist zu wenig Wasser. Zuerst versuchen wir es mit dem Toyota. Trotz mehrmaligem Aussteigen um die Bodenfreiheit zu erhöhen und der Künste unseres Fahrers Jimmy – so kommen wir nicht weiter. Ein Allrad-LKW Marke IFA aus DDR-Zeiten biegt um die Ecke – der nimmt uns, wie einige Albaner auch, auf der Ladefläche bis nach Luarasi mit. Ab dort ist diesem Fahrer die Straße viel zu schlecht. Gent und Jimmy legen sich ins Zeug und fragen sich in der Ortschaft durch. Wir warten vor dem einzigen Geschäft, einer typischen Wellblechbaracke und werden von den Einheimischen vorerst nur aus den Augenwinkeln beobachtet. Einzig ein kleiner aufgeweckter Bub ist stolz auf seine paar Englischkenntnisse.
Die Zeit vergeht, wir wagen uns ins "Cafe" – der Raum wäre bei uns vielleicht ein Stall – ein paar freundlich grüßende Männer schlagen dort ihre Zeit tot. So vergeht der Nachmittag. Mit Mulis für die Boote würde es funktionieren aber lange dauern, meint Gent. Angeblich soll heute aber noch ein Holzlaster in den Ort kommen, der morgen in unsere Richtung fahren soll. Wir schlagen nahe der Ortschaft auf einer kleinen Anhöhe unsere Zelte auf, genießen die letzten Sonnenstrahlen und faulenzen. Kaum ist die Sonne weg, wird es empfindlich kalt, kein Wunder, wir sind auf 1000 Metern Seehöhe.

Osum Albanien

Osum - Schlucht von Micani

Das Warten wird belohnt: Am nächsten Tag erreichen wir den Fluß, paddeln einen leichten, aber landschaftlich hervorragenden Abschnitt, Höhepunkt des Tages ist die Schlucht von Micani und das Abendessen: von Hirten gegrilltes Lamm in der Busstation bei Lapani.
Der einzigartige Abschlußcanyon am nächsten Tag ist nach Meinung aller, die längste und schönste Klamm, welche sie je gepaddelt sind. Senkrechte Wände, kleine Wasserfälle, hängender Efeu, zart violettblühende Mandelbäume auf Felsschuppen, verwunschener Ahorn in ausgeschwemmten Buchten, Durchfahrten enger als 2 Meter, wir kommen vier Stunden aus dem schauen und staunen nicht heraus.

Albanien Reithmaier

Die heimlichen Wahrzeichen - 500.000 Bunker

Der Beginn des letzten Paddeltages beginnt gemütlich. Kein Wunder, es regnet noch immer. Gent zeigt uns daher eine alte römische Brücke über heißen Quellen, das Bad darin lassen wir uns nicht nehmen. Das Positive am Regen: der an sich leichte Fluß, die Vjosa, ist mächtig angeschwollen. Wir finden einige hohe Wellen und tiefe Walzen und toben uns darin aus.

Albanien Formann

Wunderschöner Ohrit-See

Nun müssen wir den langen Weg zurück nach Tirana holpern, die Straßen sind wirklich schlecht und vor jeder Ortschaft stoppt uns wie immer die Polizei. Jeder schaut aus dem Fenster und hängt seinen Gedanken nach. War es schön? Darauf gibt es keine passende Antwort, die Gegensätze sind so kraß:
Natur und Probleme der Zivilisation (bei uns versteckt und mit „sauberen Lösungen“ verdeckt, in Albanien liegt der Müll überall und offen), die Trostlosigkeit vieler aufgelassener Industriegebiete und bunte Fröhlichkeit einiger Neubauten Neureicher, große schwarze Luxusmercedes auf schlammigen Bundesstraßen und Hirten, sitzend am dürren Esel, auf der einzigen Autobahn zwischen Hafen und der Hauptstadt Tirana,
zum Verkauf angebotene, ausgetretene Turnschuhen bei Gebrauchtwarenhändlern, wo man sich schämen würde, sie bei der Altkleidersammlung abzugeben, und schicken Modeboutiquen in der Hauptstadt,...

Albanien Auer

Die Barbaren sind wir!

Das Resumeé: Das Paddeln in unberührten Gegenden war traumhaft, die Rückkehr in Dörfer und Städte ernüchternd. Getroffen haben wir herzliche Menschen, lernten ein Land kennen, das man in Europa so nicht erwarten würde, und haben gemeinsam eine Fahrt erlebt, welche uns gegenseitig näher brachte.

Albanien Naturfreunde

Das "Breadless Team" 2002

Das Team:
Gent Mati,
der bis jetzt einzige paddelnde Albaner aus der Hauptstadt Tirana, Jusstudent in Italien, Raftguide bei Acquaterra auf der Passer in Südtirol mit Neigung zu schrägem Humor

Shkelqim "Jimmy" Tuzi,
Albaner aus Shkoder, Chauffeur, Schlaglochexperte und voll mit Witzen

Ing. Peter Reithmaier,
Sicherheitsexperte der NF und Bundeslehrkader(BLK)-Mitglied, ein recycelter Tiroler Teenager, der für Fotos leicht 30 mal am Tag aus seinem Boot klettert

Gerhard Auer,
reiselustiger St. Pöltner, Kontaktgenie und ausgeglichener Ruhepol mit Hang zum Stolpern

Alfred Felderer,
Einsatzleiter der Bergrettung, Stoa- und Bachsteirer mit großem Messer, ständig in Bewegung

Erik Formann,
"Salzahero" und "Local" aus Wildalpen mit zeitweiligen Verdauungsschwierigkeiten

Mag. Klaus Otepka,
Leitung Wildwasserzentrum Wildalpen, BLK, (fast) immer durstig

Bernhard Drack,
Mr. Rocksplat aus OÖ, schläft – wenn es sein muß - in jeder Position

Dr. Franz Streißl,
Biologe, BLK, Kurzzeitalbaner – die Folgen: aus einem Tee wird ein Kaffeetrinker, statt Wasser, jetzt lieber Rhaki

Vielen Dank an Ing. Peter Reithmaier und Mag. Klaus Otepka für die Informationen und Fotos. Infos und Fotos zu albanischen Flüssen sind in der Flußdatenbank zu finden, erfasst von Peter Reithmaier, A 6068 Mils
Die Schwierigkeitsangaben in der Flußdatenbank beziehen sich auf die angegebenen Wasserstände. Die Gruppe, die im Jahr darauf dort war, hatte höhere Wasserstände und dadurch waren die Flüsse, speziell der Devoll, etwas schwerer.

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1 Kommentar

  1. no-avatar
    Walter Mückvor 17 Jahren

    Endlich wird diese tolle Leistung auch über die Naturfreunde hinaus publik! Ich habe im Mai 1994 einen 24-Stunden-"Stosstrupp" bis zur Vjose-Schlucht von Kelcyre geführt, dann wollte ich sicherere Verhältnisse abwarten. Ich würde gerne wieder dorthin, wenn ein einheimischer Paddler mitmacht!
    vile Grüße
    Walter Mück, Kajak Club Gars

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